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Mit Erdoğan, dem Islamischen Staat und den Kurden auf dem Demokratie-Zug: Eine Reise, auf der aus Opfern Täter wurden

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Mahir Tokatli, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn, analysiert die aktuelle Lage in der Türkei. Tokatli promoviert über das politische System der Türkei.

Neulich wurde ich – nicht zum ersten Mal – darauf aufmerksam gemacht, dass der von mir oftmals kritisierte türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan ja auch Gutes geleistet hätte. Es wäre bisher ja nun wirklich nicht alles schlecht gewesen, was er gemacht habe. Solche Gespräche erinnern mich dann irgendwie immer an die hiesige Diskussion über Hitler und die Autobahn. Naja, die vermeintlichen wirtschaftlichen Erfolge, von denen oft die Rede ist, bewerte ich angesichts einer Arbeitslosenquote in Höhe von 20 Prozent nicht ganz so positiv. In den knapp 13 Jahren unter Erdoğan gibt es aber tatsächlich eine Entwicklung, die positiv betrachtet werden kann bzw. konnte: Das ist die Haltung der Regierung gegenüber der größten ethnischen Minderheit des Landes: den Kurden.

Für viele war Erdoğan kurz vor der Lösung des „Kurdenproblems“ – ich lehne diesen Begriff übrigens ab, da er ein Problem seitens der Kurden impliziert, wobei davon nicht die Rede sein kann und darf, weil es ganz allgemein ein türkisches Demokratieproblem ist. Erdoğan sprach den Kurden eine Vielzahl an kulturellen und politischen Rechten zu. Zum ersten Mal in der Geschichte der Republik gab es – zwar staatlich kontrolliert – einen kurdischsprachigen Sender, kurdischsprachige Verkehrsschilder wurden aufgestellt und es durfte Wahlkampf auf kurdisch geführt werden.

Das sind die Fakten, hierüber sind wir uns einig, es fanden in diesem Bereich erkennbare demokratische Verbesserungen statt. Aber als ich erwähnte, dass ich Erdoğan seine Ernsthaftigkeit nicht abkaufe; dass ich vermute, er tue dies nicht aus Altruismus, sondern dass politisches Kalkül dahinter stecke und er eine „hidden agenda“ verfolge, wurde ich mit dem Totschlagargument „Türken sind bekannt für ihre Verschwörungstheorien“ ruhig gestellt.

Weiter hieß es: „Ich hatte mal einen alevitischen Vermieter, der hat alles den Amerikanern und den Israelis in die Schuhe geschoben“. Ich bin Alevite und durfte mich nun zu den Schmuddelkindern gesellen. Dabei haben Verschwörungstheorien keine Nationalität und erst recht keine Religion bzw. keinen Glauben; sie sind also weder typisch türkisch noch typisch alevitisch, sondern überall anzufinden. Der von jener Person angemahnte Antisemitismus getarnt als Israelkritik ist allgegenwärtig. Er ist in den Dresdener Montagsdemos ebenso zu hören, wie in der Mitte der Gesellschaft, in verrauchten Eckkneipen, in Chefetagen und in allen Fraktionen des Bundestags. Erdoğan selber ist ein großer Verschwörungstheoretiker: Der Gezi-Widerstand vor zwei Jahren sei von der Lufthansa geplant und organisiert, weil Deutschland den dritten großen Flughafen in Istanbul neidete. Ständig spricht er von Außenkräften und von der internationalen Finanzlobby, die die Türkei, seine neue Türkei, schwächen wollten. Dies gehört zu seiner Methode, sich selber als charismatischer Führer zu inszenieren. Erdoğan nährt sich von Verschwörungen.

Zurück zum Thema und somit zu einem Versuch, die jüngsten Ereignisse zu analysieren: Warum glaube ich nicht, dass Erdoğan es mit den Kurden ernst meinte? Auch wenn Erdoğan sich als konservativer Demokrat geriert, ist seine Heimat der politische Islam. Er hat schon früh deutlich zu erkennen gegeben, dass der islamische Weg sein Weg ist. Dies ist in seinen Handlungen das Leitmotiv. Bisher hat er alle verschiedenen politischen Kurven genommen, aber von seiner Vorstellung des politischen Islams ist er nie abgewichen. Es ist ihm gelungen, jenes staatsfeindliche Element auszulöschen, an dem die Vorgängerparteien des Vaters des politischen Islams, Necmettin Erbakan, stets scheiterten. Er formte eine “Lightversion“ des politischen Islams und passte ihn an die Staatsverhältnisse soweit an, dass seine Partei ein Verbotsverfahren erfolgreich überstand.

In den neunziger Jahren verglich er die Demokratie mit einer Zugfahrt: Er werde auf den Zug der Demokratie steigen und so lange nutzen bis er an seinem Ziel angekommen sei, dann werde er aussteigen. Demokratische Prozesse, die er vorantrieb, haben also immer ein – der Schwabe Cem Özdemir würde sagen – Geschmäckle. 2002 sprang er auf den demokratischen Zug, als seine Partei mit knapp 36% der Stimmen die absolute Mehrheit errang und die Fahrt ihren Anfang nahm. Die Parlamentswahl im Juni diesen Jahres und der Verlust der absoluten Mehrheit zeigte, dass er nicht zu Ende fuhr, sondern zu früh aus dem Demokratie-Zug ausstieg. Ein paar Haltestellen zu früh.

Was war passiert? Ein Garant für die absoluten Mehrheiten der AKP in den Wahlen 2007 und 2011 war, neben der undemokratischen Zehnprozenthürde, vor allem der kurdische Wähler. Erdoğan konnte sich insbesondere mit den Stimmen des türkischen Ostens, also dem kurdischen Gebiet, an der Regierung halten. Er umgarnte den konservativen, religiös-frommen Kurden und sicherte sich folglich eine Stellung, die in den neunziger Jahren keiner türkischen Mitte-Rechts-Partei gelang: eine beträchtliche Anzahl an Stimmen in Kurdistan.

In Deutschland herrscht vielleicht das Bild des tendenziell eher linken Kurden, der die PKK unterstützt, aber Kurde zu sein bedeutet nicht eine bestimmte politische Meinung zu haben. Genauso wenig wie jeder Afroamerikaner oder Latino in den USA die Demokraten wählt, wählt jeder Kurde die HDP oder einer ihrer Vorgängerparteien. Ganz im Gegenteil: Während Zahlen aussagen, dass circa 20% der türkischen Staatsbürger kurdische Wurzeln haben, bekam die jeweilige Partei, die offen kurdische Interessen vertrat, lediglich um die 6% der Wählerstimmen.

Die Erklärung hierfür ist, dass sich die Vorgängerparteien der HDP nicht primär als ethnische Partei begreifen, sondern zunächst aus einer sozialistischen Ideologie heraus definieren, in dessen Fokus die Interessenvertretung des kurdischen Volkes steht, da dieses sonst von keiner anderen Partei repräsentiert werde. In den achtziger und frühen neunziger Jahren war dies gar nicht notwendig, da innerhalb der türkischen Linken Einigkeit herrschte und auf der Liste der SHP (Sozialdemokratische Volkspartei) kurdische Politiker kandidierten. Erst der Fraktionsausschluss einiger kurdischstämmiger Politiker, aufgrund des Besuchs einer Kurden-Konferenz in Paris 1989, und der Konflikt im Parlament, nachdem die Politikerin Leyla Zana 1991 darauf beharrte ihren türkischen Amtseid mit dem Zusatz „Es lebe die kurdisch-türkische Geschwisterlichkeit“ auf kurdischer Sprache zu beenden, machte eine explizit kurdische Partei erforderlich.

Diese Heterogenität innerhalb der kurdischen Bevölkerung machte sich Erdoğan zunutze, indem er kulturelle Freiheiten einräumte und ganz bewusst dabei den konservativen Teil ansprach. Er verhandelte mit dem Führer der kurdischen Arbeiterpartei, Abdullah Öcalan, und der HDP. Alle drei Akteure saßen an einem Tisch. Erdoğan schien tatsächlich kurz vor der Lösung des Konflikts zu sein. Die verheißungsvoll begonnen Gespräche litten alsbald unter der Politik Erdoğans, der seinen bisherigen Erfolg im kurdischen Teil des Landes sicherlich seiner vermeintlich „kurdenfreundlichen“ Politik zu verdanken hatte. Dass er jedoch nicht der „Heval“ (kurdisch für Freund, Genosse) war, der er vorgab zu sein, konnte im Fall Roboski am 28.12.2011 gesehen werden. Der türkische Staat verursachte den Tod von 34 Zivilisten, und die Regierung weigert sich bis heute das staatliche Schlachten aufzuklären. Stattdessen wurde zunächst versucht, die Opfer als Terroristen abzustempeln, ehe später von einem Versehen gesprochen wurde.

Dies war schließlich der Anfang vom Ende der Koalition zwischen dem kurdischem Wähler und Erdoğan. Danach folgte die Kobane-Politik, die schließlich das Ende besiegelte. Die Haltung der türkischen Regierung (1) keine freiwilligen Kämpfer durch die Grenze zu lassen, der USA (2) nicht zu erlauben den Militärflughafen Incirlik zu benutzen, um Luftangriffe zu starten, gleichzeitig aber (3) die Grenze für Kämpfer des barbarischen Islamischen Staates zu öffnen und diese sogar (4) in türkischen Krankenhäusern zu pflegen, waren Gründe genug für die Empörung auf kurdischer Seite. Das tatenlose Zusehen der türkischen Regierung brachte schließlich die Erkenntnis, dass Erdoğan nicht der ehrliche Makler war.

Der Bruch mit dem kurdischen Wähler machte sich schließlich bei der letzten Parlamentswahl am 7. Juni bemerkbar. Die AKP verlor ganze neun Prozent der Stimmen, aber auch die Mehrheit in fünf kurdischen Provinzen, die allesamt die HDP gewinnen konnte, was schließlich zum Verlust der absoluten Mehrheit der AKP führte. Ohne Kurden keine Mehrheit und ohne Mehrheit kein auf Erdoğan zugespitztes präsidentielles Regierungssystem – wahrscheinlich die Erdoğansche Endhaltestelle und gleichbedeutend auch die Endstation der Demokratie.

Warum aber gewann der Islamische Staat die Gunst des heutigen Staatspräsidenten? Der IS, von der Türkei in vielen Bereichen unterstützt, wurde benötigt um (1) das ungeliebte nicht sunnitische Assad-Regime zu stürzen und (2) gegen die syrischen Kurden vorzugehen, denn die syrische YPG/J und die Möglichkeit einer kurdischen Staatlichkeit/Selbstverwaltung in unmittelbarer Nähe zur Türkei, schienen ihm gefährlicher zu sein als der Islamische Staat, weswegen seine Haltung auf eine seltsame Art und Weise tatsächlich konsequent war.

Für Erdoğan war die ethnische Zugehörigkeit nie wichtig, zumindest nicht wichtiger als die Zugehörigkeit zur sunnitischen Umma (Islamische Gemeinschaft). Die in den sechziger Jahren insbesondere gegen die Ausbreitung des Kommunismus entwickelte türkisch-sunnitische Synthese, erhielt in den achtziger Jahren ihren Einzug in die türkische Staatlichkeit und wurde mit der Verfassung der Putschisten 1982 zu einer halben Staatsideologie deklariert. Beide Elemente, türkischer Nationalismus und die Betonung des Sunnismus, finden sich nach wie vor im politischen Leben wieder. Beispiele hierfür sind die explizite Nennung des Türkentums in der Verfassung, das Gesetz, welches die Herabsetzung desselbigen zur Strafe stellt und auf der sunnitischen Seite, die Religionsbehörde, die sich ausschließlich mit den sunnitischen Angelegenheiten beschäftigt, nicht aber mit dem Alevismus.

Aus der türkisch-sunnitischen Synthese hat Erdoğan eine sunnitisch-türkische Synthese geformt. An erster Stelle steht nun die Religion, dann die Ethnie. Dies erklärt, weswegen es bei der „kurdischen Öffnung“ tatsächlich Fortschritte gab, während die vom Staat ebenfalls propagierte „alevitische Öffnung“ bisher lediglich auf der Stelle trat. Europa, das stets die positiven Entwicklungen bezüglich der Rechte der Kurden in den Vordergrund stellte, hat selten bis gar nicht die Missstände der Aleviten angemahnt. Hin und wieder wurde die religiöse Ungleichbehandlung von Christen angeprangert, die wahrscheinlich nicht mal einen Prozent der gesamten türkischen Bevölkerung ausmachen, während die Rechte der Aleviten (ca. 20%) ignoriert wurden. Aleviten wurden bzw. werden seit Jahrhunderten verfolgt, da sie der Apostasie bezichtigt werden. Ihre Stellung hat sich zwar mit der Gründung der Republik und der Ausrufung des Laizismus verbessert, jedoch gab es in der Vergangenheit immer wieder Massaker an ihnen, sei es Dersim 1938, Kahramanmaraş 1978, Çorum 1980 oder Sivas 1993.

Wieder verschlimmert hat sich die Situation mit der AKP, die beispielsweise 2011 kurzerhand die Andacht zum Gedenken der Opfer der Massaker von Kahramanmaraş und Sivas verbot. Erdoğans Geisteshaltung lässt sich gut an folgendem Zitat ablesen: nachdem das dafür zuständige Gericht vor drei Jahren entschied, dass die Brandstifter von Sivas nicht mehr verurteilt werden können, da sich die Tat verjährt habe, sagte er zynisch, dies „möge für das Volk zum Guten ausschlagen“ (türkisch: „Milletimize hayırlı uğurlu olsun“). Dass der ganze Prozess vom Staat künstlich in die Länge gezogen wurde und die damaligen Verteidiger der Angeklagten in der AKP-Ära hohe Minister- und Bürgermeisterposten zugesprochen bekamen, sei hier nur als kleine Randnotiz angemerkt.

Indem der Islamische Staat unterstützt wird, wurde deutlich, dass Erdoğan (1) dem Sturz des alawitischen Assad-Regimes eine höhere Priorität einräumte und gleichzeitig (2) eine kurdische Selbstverwaltung mehr fürchtete als den Islamischen Staat. Dass er den syrischen Ableger der PKK, die YPG/J, in ihrem Kampf gegen den IS allein gelassen hat, führte demnach zwei herbe Verluste für die AKP geführte Türkei mit sich. Zum einen der bereits genannte elektorale Verlust der absoluten Mehrheit, indem die konservativen kurdischen Wähler zur HDP geführt wurden. Eine innerhalb der kurdisch-marxistischen Bewegung oft benutzte Redewendung, die besagt, dass der Kurde erst einmal sich selber als Nation begreifen muss, um anschließend die Nation abzuschaffen, wird hier ironischerweise von Erdoğan befördert. Er hat es geschafft, dass sich religiöse, konservative und linke Kurden unter einem Dach versammeln und das kurdische Bewusstsein zu stärken.

Der zweite Verlust der AKP ist der Gesichtsverlust, den der türkische Staat auf der internationalen Bühne zu erleiden hat. Der von der ganzen Welt nahezu ausnahmslos geächtete Islamische Staat mit all seiner Unmenschlichkeit wurde von der türkischen Regierung unterstützt, während US-Streitkräfte Luftangriffe gegen den IS ohne türkische Hilfe starteten und die YPG/J sozusagen als Bodentrupp der USA fungierte. Nicht zu vergessen sind hier selbstverständlich die Kriegerinnen aus Kobane, die es geschafft haben, ihr Gebiet zu verteidigen und den IS zu vertreiben. Der Kurde, der zuvor in Deutschland vornehmlich als „Apo-Verehrer“ und Autobahnbesetzer bekannt war, bekam ein neues, ein positives Image. Er oder besser: sie, war nun die heroische Kurdin, die sich erfolgreich und zäh als Bastion der Menschlichkeit den Barbaren des Islamischen Staates widersetzt, ihm die Stirn bot und tapfer kämpfte bis sie schließlich siegte. Die Kurden wurden zum ‚everybody´s darling‘ und Erdoğan so etwas wie der Bad Boy, der mit dem Teufel paktiert.

Doch dann war Suruç. Der Terroranschlag von Suruç am 21.07.2015 hinter dem der IS steckt, hat linke Jugendliche getroffen, die den Menschen in Kobane Hilfsgüter überreichen wollten. Die Stadt Suruç ist ungefähr zehn Kilometer von Kobane entfernt und war während der Belagerung Fluchtpunkt für die Bewohner Kobanes. Es ist ungeklärt inwiefern der Staat bei diesem Terroranschlag eine Rolle gespielt hat, jedenfalls zeigt er sich nicht ganz so bestürzt. Während für den Tod des saudischen Königs drei Tage Staatstrauer deklariert wurde, gab es ähnliches in diesem Fall nicht. Regierungsnahe Medien bezichtigten sogar die Jugendlichen des Terrorismus. In jedem Fall nützt dieser Anschlag der AKP-Übergangsregierung. Nützlich ist auch, dass die PKK sich zu dem Mord an zwei Polizisten, der als Racheakt beschrieben wurde, bekannt hat und infolgedessen sich klare und erkennbare Risse zwischen der HDP um ihren charismatischen Co-Vorsitzenden Selahattin Demirtas und Kandil ergeben haben (gemeint sind die Kandil-Berge; Kandil ist im politischen Sprachgebrauch als Synonym für die Führung der PKK zu verstehen). Dies könnte im besten Fall einen positiven Effekt auf die HDP haben, die sich so von der PKK noch weiter emanzipieren und sich auf diese Weise mehr und mehr als für alle türkischen Staatsbürger wählbare Partei präsentieren könnte.

Dieser Anschlag auf türkischem Boden liefert der Türkei nun einen Vorwand ihre bisherige, in allen Belangen unterstützende IS-Politik zu ändern ohne weiteren Imageverlust zu beklagen, indem sie darauf verweist, dass der islamische Terror sich auf das eigene Land ausgebreitet hat. Positiver Effekt ist zudem, dass die Türkei, die zunehmend isoliert auf der internationalen Bühne schien, so wieder Anschluss an den Westen findet. Und tatsächlich: zunächst begrüßte die internationale Staatengemeinschaft das türkische Vorgehen gegen den IS. Doch die Türkei weitete den Krieg gegen den IS als Krieg gegen den Terror aus. Nicht nur der islamische Terror, sondern auch kurdische und linke Gruppen werden bekämpft, weswegen neben IS-Mitgliedern auch YPG/J-, PKK-Mitglieder und Mitglieder der marxistisch-leninistischen Vereinigung DHKP-C festgenommen wurden. Es werden kurdische Gebiete beschossen und Razzien in alevitischen Gebetshäusern, wie im berühmt berüchtigten Gazi-Viertel, durchgeführt.

Nach diesem Vorgehen des türkischen Staates sieht die PKK den Waffenstillstand als abgebrochen und kündigt Vergeltungsschläge an. Die Türkei steht ganz kurz vor einer Eskalation – vor einem Bürgerkrieg. Warum das Ganze? Weil Erdoğan zu früh aus dem Demokratie-Zug ausgestiegen ist, weil er aufgrund der Wahlniederlage aussteigen musste. Jetzt steht Erdoğan an der Haltestelle und überlegt wie er sicher an sein Ziel gelangt. Mit den Kurden geht es nicht mehr, deswegen unternimmt er eine Kehrtwende. Er widmet sich den Anhängern seines natürlichen Koalitionpartners, der ultranationalistischen MHP. Nicht wenige AKP-Sympathisanten haben sich bereits vor mehreren Jahren, aufgrund der kurdenfreundlichen – Stichwort: Friedensprozess und Verhandlungen mit Abdullah Öcalan – Politik Erdoğans, der Partei den Rücken gekehrt und der MHP ihre Stimme gegeben. Die MHP ist noch lange nicht in der gesellschaftspolitischen Realität angekommen und bezichtigt die HDP als Partei der Separatisten, wobei mittlerweile nicht einmal mehr die PKK die Schaffung eines unabhängigen kurdischen Staates fordert. Die einzige Botschaft der MHP vor der Wahl war, dass es mit ihnen eine Abkehr des Friedensprozesses geben wird. In einem Land das seine Kinder patriotisch erzieht und ausbildet, ist es nicht verwunderlich, dass solch stumpfer Nationalismus dazu taugt, 16% der Wählerstimmen für sich zu gewinnen.

Es geht ein wenig unter, es darf aber nicht vergessen werden, dass die Türkei sich zu diesen gewaltigen politischen Schritten, die einen Bürgerkrieg zu Folge haben können, unter einer Übergangsregierung entschieden hat. Die jetzige Regierung ist parlamentarisch und folglich politisch nicht legitimiert solche schwerwiegenden Entscheidungen alleine zu treffen. Nach der Wahl konnten sich die verschiedenen Parteien bislang auf keine Koalition einigen, was schließlich nur der AKP nützt, denn sie bekommt höchstwahrscheinlich eine erneute Chance an der Wahlurne das Regierungssystem zu verändern. Sie scheint entschlossen zu sein, die sich ihr bietende Chance beim Schopfe zu packen und Neuwahlen auszurufen. Dieses Mal setzt sie auf die Nationalismus-Karte. Der Friedensprozess wird negiert, PKK und YPG/J-Stützpunkte werden bombardiert, ihre Mitglieder festgenommen, genauso wie Mitglieder linker Gruppierungen, wie der DHKP-C, alevitische Gebetshäuser werden mit Razzien übersät und die 32 jungen Menschen, die ihr Leben geben mussten, weil sie Flüchtlingen helfen wollten, werden rhetorisch in die Nähe von Terroristen gerückt.

Doch wer ist hier der Terrorist? Der Kampf gegen den IS ist ein Vorwand; er ist nicht ernst gemeint, denn der IS hat kein Problem mit der Türkei, seiner Mutter. Die bisherigen „türkischen“ Ziele der IS, waren kurdische bzw. linke Ziele. Sowohl der Bombenanschlag in Diyarbakir bei einer Kundgebung der HDP kurz vor der Wahl am 7. Juni, als auch Suruç galt nicht der türkischen Regierung, sie galten Kurden und Linken gleichermaßen. Die Logik Erdoğans ist es, die Opfer zu instrumentalisieren und sich selber als Opfer darzustellen, ehe in einem nächsten Schritt die Opfer zu Tätern stilisiert werden, da er auf einmal jene Opfer festnehmen lässt, um die Täter zu bekämpfen. Noch einmal, weil die ganze Sache doch ein wenig konfus ist: Im Kampf gegen den islamistischen Terror werden die Opfer des islamistischen Terrors, nämlich Kurden und Linke, von der Regierung bekämpft. Wahnsinn!

Ein Konfliktpotenzial zwischen dem IS und der AKP-Regierung ist nicht zu erkennen. Das zeigen die Zahlen der Festnahmen, die unverhältnismäßig ausfallen und die sich in krasser Mehrheit gegen Linke und Kurden richten, während IS-Kämpfer, gegen die der ganze Akt ja initiiert wurde, vergleichsweise mit Samthandschuhen angefasst werden.

Die Türkei steuert auf einen seltsamen Weg zu; es ist die Pflicht der internationalen Gemeinschaft Druck auf die Türkei auszuüben. Bedauerlich ist die Haltung der USA. Es scheint, als verrieten sie ihren wichtigsten Koalitionspartner im Kampf gegen den IS, die Kurden, indem sie auf das türkische Gebaren reinfallen.

Alles, was ich dargestellt habe, sind Gründe, warum ich nicht an die Ernsthaftigkeit demokratischer Absichten des türkischen Staatspräsidenten Erdoğans glaube. Mit Verschwörungstheorien haben diese nichts zu tun. Gerne würde ich sagen: Erdoğan hat in seinen 13 Jahren das Land demokratisiert, die Kurden dürfen sozialistisch sein, Aleviten dürfen sich ohne Angst zu ihrem Glauben bekennen und Karikaturisten dürfen Erdoğan mit ihren Bleistiften auf den Arm nehmen, ohne sich vor Gericht wegen Beleidigung verantworten zu müssen. Aber so ist leider nicht die Lage in der Türkei.

Die Türkei steht kurz vor einem Bürgerkrieg, weil das Volk Erdoğan nicht bis zur Endhaltestelle fahren ließ, da das Volk demokratische Strukturen herbeisehnt. Für die Demokratie einzustehen, ist keine Verschwörungstheorie. Hitler hat die Gewerkschaften niedergeschlagen und jeden ersten Mai als den Tag der Arbeit feiern lassen. Erdoğan schlägt die PKK nieder und will die Versöhnung mit den Kurden feiern.

Autobahnen sind schön und gut, aber sie sind wirklich nicht alles.

Bildquelle: Foto, CC BY-SA 2.5, by Randam

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