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Über “stolze Griechen” und “seelisch sanierte Deutsche”

“Wann hat es das in Deutschland zuletzt gegeben?
Stolz sind wir höchstens auf die Nationalmannschaft,
aber auch nur dann, wenn sie nicht geht wie die Gauchos.
Dann schämen wir uns.
Stolz zählt auch für deutsche Atheisten zu den Todsünden.
Doch es muss auch einmal Schluss sein mit dem falschen Anti-Stolz!

Berthold Kohler, faz.net, 03.07.2015

Zur Lage in Griechenland im Besonderen und in Europa im Allgemeinen wurde bereits viel Unsinniges gesagt, aber offenbar noch nicht alles und nicht von jedem. So wurde dem Thema am Freitag (03.07.2015) im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung von Gustav Seibt eine kulturchauvinistisch zu nennende Perspektive hinzugefügt, deren Ursprung Stefan Gärtner in seiner aktuellen Titanic-Kolumne freundlich zurückhaltend in “deutschromantischer Bildungsbürgerlichkeit” lokalisiert.

Deutschland habe, so endet Seibts Artikel “Stolze Völker”, ein “vitales Interesse daran, dass Griechenland wieder auf die Beine kommt, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in Ehre und Würde. So schwer das zu verstehen ist.” Warum das, jedenfalls für Leute wie Seibt, schwer zu verstehen ist,  erfährt man bereits im Lead: “Griechenland kämpft nicht nur gegen Schulden, sondern auch für seine Ehre. Bei den postnational gestimmten Deutschen stößt das auf Unverständnis.”

Damit sind die Verhältnisse schnell geklärt. Auf der einen Seite die “stolzen Völker” Südeuropas, ein Attribut, das in der letzten Woche auch Angela Merkel ,Verständnis für das griechische Referendum heuchelnd, bemühte. Auf der anderen Seite die “ostentative nationale Lässigkeit der seit ihrer Wiedervereinigung zunehmend auch seelisch sanierten Deutschen”, welche damit aber “bei ihren weniger aufgeräumten Nachbarn im Süden inzwischen schon wieder selbstgerecht” wirkten.

Selbstgerecht jedoch ist vor allem die herablassende Sichtweise Seibts, der in deutschgeistiger Überheblichkeit mal eben aus einer ökonomischen Krise eine kulturalistische Mentalitätsfrage macht, dass nicht mehr viel zum kulturellen Rassismus fehlt. Der gebildeten Leserschaft der Süddeutschen Zeitung muss man offenbar ein subtileres Ressentiment bieten, als die faulen “Pleite-Griechen”. Und so bedauert Seibt “eine nationalpathetische Semantik [..], mit der die (sic!) griechischen Politiker die Schuldenkrise ihres Landes von Anfang an begleiteten.” Diese Rückkehr überwunden geglaubter Begriffe, wie “Nationalehre”, bedeute “nichts Gutes für das westliche Europa”. Denn nach Ende des Zweiten Weltkriegs sei an deren Stelle die individuelle Menschenwürde getreten, deren Wurzeln – eine besondere Tragik – auch in der griechischen Philosophie liegen.

Dass nicht so sehr die kollektive Würde des griechischen Volkes, von der Seibt spricht, sondern vielmehr auch die individuelle Menschenwürde gerade unter den Bedingungen der gegenwärtigen Austeritätspolitik und bereits durch die Konstruktion der Währungsunion verletzt wird, gerät Seibt natürlich nicht in den Blick. Auch wenn er einräumt, dass die “letzten Bilder aus Athen mit den verzweifelten Rentnern vor Bankfilialen […] ein verheerendes Potenzial” besitzen, “denn wo wäre ‘Demütigung’ so greifbar wie hier?” Und: “Es ist entsetzlich.” Unklar bleibt allerdings, was genau entsetzlich ist. Die Lage der Rentner, die Bilder, das verheerende Potenzial der Bilder, die Demütigung?

Entsetzlich ist so vor allem Seibts misslungener Versuch, die Auswirkungen der Krise kulturalistisch zu interpretieren. Die Homogenisierung und Gegenüberstellung der süd- und west- beziehungswiese nordeuropäischen “Völker” ist genauso verfehlt, wie das Ausblenden ökonomischer Zusammenhänge. So haben insbesondere die Ausgestaltung der Währungsunion und die seit 2007 andauernde “Krise” sowohl zu einem Auseinderdriften der Volkswirtschaften als auch zu einem Erstarken nationaler Interessen, nationaler Gefühle und nationaler Ressentiments geführt. Und letzteres gerade auch in Deutschland. Dass Seibt also ausblendet, dass insbesondere Deutschlands Ökonomie auf Kosten Griechenlands vom Euro profitiert und nationalistische Töne auch von deutschen Politikern (oder Journalisten, s. o.) zu vernehmen waren und sind, ist mindestens ärgerlich. Man erinnere sich nur an Volker Kauders Satz auf einem CDU-Parteitag im Jahre 2011: “Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen.”

Weil aber anzunehmen ist, dass die publizistischen Debatten der nuller Jahre um deutsche Leitkultur, Nationalstolz und Patriotismus, deren Wirkung regelmäßig bei Welt- und Europameisterschaften zu beobachten ist, auch an Seibt nicht vorbeigegangen sind, erweist sich die Rede von “den postnational gestimmten Deutschen” entweder als naiv oder ideologisch. Der Grund für Seibts Verständnis des vermeintlichen griechischen Bedürfnisses nach “Ehre und Würde” und sein Argument für das vitale deutsche Interesse an Griechenlands Wohlergehen, ist denn womöglich – eine ironische Pointe – gar nicht postnational, sondern aus einer Sorge um Deutschlands Ansehen getrieben. So schließt er: “Deutschlands Weg in die moralische Isolation begann 1914 mit dem Überfall auf Belgien.”

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