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Über unreflektierte Medienkritik

CC BY-ND 2.0

“Ein frecher Kulturwitz hat die ‘journalistische Hochschule’ ausgeheckt.
Sozialer Ernst müßte eine journalistische Gewerbeschule verlangen.” Kraus, 1912

Den Aphorismen des großen Satirikers Karl Kraus verdanken wir Medienkritik in ihrer inhaltlich wie stilistisch pointiertesten Form. In jenem zum Beispiel, dass ein frecher Kulturwitz die „journalistische Hochschule“ ausgeheckt habe, wo sozialer Ernst eine journalistische Gewerbeschule verlange, steckt die schlichte Wahrheit, dass Journalisten nun mal in erster Linie abhängige Lohnarbeiter sind für Zeitungen, Magazine, Radio- oder Fernsehsender, die wiederum Teile großer Medienunternehmen sind, deren Streben, wenn vielleicht nicht in erster Linie, so doch in letzter Konsequenz Gewinnmaximierung ist.

Dass die Kritik am Journalismus beziehungsweise an der Journaille (ein Ausdruck, den Karl Kraus bekannt gemacht, und der später im nationalsozialistischen Vokabular als Kampfbegriff gegen die „Systempresse“ diente) so alt ist, wie der Journalismus selbst, indiziert, dass sich Arbeitsweise und Methoden der Medien, seit es Journalismus gibt, nicht fundamental gewandelt haben. Daran ändern auch Pressekodex und Presserat nur wenig, an die in Folge der vermeintlich grenzüberschreitenden Berichterstattung im Zuge des Germanwings-Absturzes vor zwei Wochen in den französischen Alpen so heftig und zahlreich appelliert wurde.

Die Reaktionen des Publikums ließen aber vermuten, die journalistische Berichterstattung habe qualitativ einen neuen Tiefpunkt und quantitativ einen neuen Höhepunkt erreicht. Ja, erinnert sich denn keiner mehr an den „Extrablatt, Extrablatt“ schreienden Zeitungsjungen, der ansonsten morgens, mittags und abends, also dreimal täglich, das aktuellste Blatt angeboten hat? Ist es denn nicht aus unzähligen Filmen und Romanen bekannt, dass sich Menschen, die auf der Suche nach Informationen sind, nötigenfalls jemanden finden, bei dem sie diese gegen Geld auch bekommen? Und hat tägliches fernsehen nicht das Bewusstsein geschult, dass Inszenierungen und Bilder für die entsprechende Dramaturgie benötigt werden, aufgrund derer wir uns, geben wir es zu, ja hin und wieder durchaus gut unterhalten fühlen?

So haben weniger die Art und Weise der Berichterstattung über das Flugzeugunglück, die ganz in der wohl bekannten Verwertungslogik der Medien liegt, als vielmehr die naive Empörungswelle zahlreicher Mediennutzer sowie vor allem die unangenehm moralistische und bisweilen peinliche Abrechnung einiger Journalisten mit dem eigenen Berufsstand, die es nun wirklich besser wissen müssten, eine neue Qualität erreicht.

Diese neue Qualität liegt nicht so sehr in den geschmacklosen verbalen Entgleisungen der Medienkritik, wie dem „abgestürzten Journalismus“ oder dem „Journalismus als Opfer“ (der eigenen Berichterstattung), die letztlich eine Verhöhnung der Opfer darstellen, sondern hauptsächlich darin, dass die Kritik mehr oder weniger in Echtzeit vorgetragen wird. Damit aber wird „die Entrüstung über journalistische Fehlleistungen […] Teil der Aufführung“, wie der Medienethiker Alexander Filipovic treffend formulierte: „Medienkritik im Modus der Empörung oder Verachtung ist nicht hilfreich. Sie wird damit selbst zum Element einer von ihr kritisierten Medienwelt.“

Problematisch ist nicht nur, dass die kurzfristige Empörung an der medialen Funktionslogik strukturell nichts wird ändern können. Problematisch ist vor allem, dass die Funktionslogik der Medien überhaupt nicht Gegenstand der Medienkritik war, wo es doch eigentlich anstünde genau diese Bedingungen zu reflektieren.

Und dazu gehört dann eben zu verstehen und zu akzeptieren, dass Journalisten und Medien in ökonomischer Konkurrenz zueinanderstehen und Aufmerksamkeitsregeln gehorchen. So wird alles, was Quote und Klicks verspricht bis zum äußersten ausgereizt, die Unterschiede zwischen Relevanz und Irrelevanz, Tatsache und Spekulation verschwimmen. Der Hinweis, dass niemand die Pseudo-News und Nicht-Nachrichten zu verfolgen braucht, ist ja in der Tat nicht falsch und wäre eine Forderung an die Medienkompetenz des Publikums.

Hier aber zeigt sich, dass das Publikum, zumindest jener Teil, der regelmäßig oder ständig auf Facebook oder Twitter verbringt, auf einen stets aktualisierten Newsfeed konditioniert ist. Bei den entsprechenden Abos in den sozialen Netzwerken auf Spiegel und Zeit Online, FAZ und SZ, die Lokalzeitung sowie entsprechende Hashtags erscheint mehr oder weniger gleichzeitig mindestens fünfmal die gleiche Meldung, Folgemeldungen, Kommentare, die Kritik, Querverweise auf Blogs, Statements von Followern und so weiter. Das führt womöglich zu einer Reizüberflutung beim Konsumenten, ist aber kein Indiz für eine Potenzierung der Medienlandschaft, die ja eher schrumpft als wächst.

Die Kritik ist auch deshalb so ärgerlich, weil die schnelle, hysterische Berichterstattung auch aus dem Wissen der Medien resultiert, wie schnell sich das Publikum langweilt, wenn ein Thema langfristig auf der Agenda bleibt. Weshalb übrigens bezweifelt werden darf, dass dieser Beitrag noch zahlreiche Leser finden wird. Einer Sache auf den Grund zu gehen, auch dahin, wo es (dem Publikum) wehtut, ist aber Aufgabe eines Journalismus, der sich ernstnimmt. Insofern ist es tragisch, dass hierzulande ernsthaft über journalistische Standards diskutiert wird, den Klarnamen oder Fotos des Co-Piloten Andreas Lubitz’ zu veröffentlichen. Zurecht wird daher in Frage gestellt, ob das Publikum überhaupt an einer restlosen Aufklärung des Flugzeugabsturzes interessiert ist.

Anstatt also geflissentlich zu ignorieren, was einen stört, und die Bedingungen der Nachrichtenproduktion zu reflektieren, wird sich lieber routiniert empört. Am besten im Duktus des idealistischen Freiheitskämpfers gegen die Medienmacht, der stolz mitteilt, „dass es da Widerstand gab“.

Vermutlich ist die Empörung dadurch zu erklären, dass es nun einmal nicht Prominente oder Politiker waren, die von Journalisten belagert, beobachtet und befragt wurden, sondern der normale Bürger in der deutschen Provinz. Sicher, jene sind Personen öffentlichen Lebens, weshalb andere Maßstäbe gelten. Dass es aber die gleiche Medienlogik ist, die einen Sebastian Edathy noch vor der gerichtlichen Auseinandersetzung zur persona non grata gemacht hat, dass es auch die Medienlogik, beispielsweise das Konzept der politischen Talkshow, ist, die dem Stinkefinger von Varoufakis mehr Relevanz zubilligt als seinen Argumenten, die Politiker zur hohlen Phrase treibt und somit zu Langeweile und Parteien- und Politikerverdrossenheit beim Publikum führt, wird von selbigem wahrscheinlich nicht mal zur Kenntnis genommen. Doch vor allem in der Geringschätzung der substanziellen, öffentlichen Debatte, dem fehlenden Interesse an der Sache, liegt der eigentliche Skandal, findet sich das ideologische Moment des gegenwärtigen Journalismus.

Substanzieller Journalismus aber, den es ja durchaus gibt, hätte die Aufgabe und die Verantwortung Zusammenhänge aufzuklären, einzuordnen und zu deuten. Um das zu leisten, müssen Journalisten manchmal vielleicht sogar Grenzen, auch moralische, überschreiten, gleichwohl sie nicht jedes Rechercheergebnis sofort und ungesichert veröffentlichen sollten. Guter Journalismus ist aber weniger eine Frage der Moral als der intellektuellen Fähigkeit der Journalisten zur umfassenden Recherche, zum Urteil und zur Kritik sowie vor allem der Bereitschaft von Verlegern und Konzernchefs, Journalisten diese Freiheit jenseits ökonomischer Beweggründe zu ermöglichen.

Bildquelle: Foto, CC BY-ND 2.0, by HoneyCo NYC

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